Michael Forster
Praktikum im Abgeordnetenbüro Dr. Niebler, Europäisches Parlament
25.11.2002, 9:15 Uhr. Ich soll mich um 9:30 Uhr am Haupteingang des Altiero Spinelli Gebäudes des Europäischen Parlaments einfinden, um dort mein einmonatiges
Parlamentspraktikum anzutreten, so war mir mitgeteilt worden. Frau Lukas-Eder würde mich dort abholen. Nur: erst mal finden, den Haupteingang! Kommt man aus der falschen
Richtung und benutzt einen anderen Eingang, wird man abrupt vom freundlichen Sicherheitspersonal gestoppt. Nach einer Umrundung des Gebäudes stand ich aber schließlich vor
dem richtigen Eingang. Ein etwas mulmiges Gefühl hatte ich schon, immerhin wusste ich nicht so recht, was mich eigentlich erwarten würde. Nach Passieren der
Sicherheitskontrolle am Eingang und einem Telefonat, dass ich jetzt hier wäre, kam mir aber besagte Frau Lukas-Eder schon mit einem Lächeln auf den Lippen entgegen. Mit
einem "Servus, ich bin die Karin!" zerstreute sie meine Bedenken: bei so einem herzlichen Empfang konnte nicht mehr viel schief gehen.
Im Büro fühlte ich mich denn auch von Anfang an gut aufgenommen. Neben Karin Lukas-Eder, der Büroleiterin, arbeiten dort noch zwei weitere parlamentarische Assistenten. Die
Arbeitsatmosphäre ist locker und kollegial, jeder benutzt das Du und es darf auch mal gelacht werden. Auch die Abgeordnete Frau Dr. Niebler selbst ist nicht die Art von
Chefin, die auf besonders strenge Hierarchien wert legt, sondern steht immer zur Verfügung, wenn Fragen oder Probleme auftauchen. Das heißt natürlich nicht, dass im Büro
nicht effektiv gearbeitet würde. Gerade wenn es mal ein bisschen hektischer wird, weil fünf Sachen gleichzeitig erledigt werden müssten, macht sich der 'Team Spirit'
bezahlt: bei gutem Arbeitsklima funktioniert die Zusammenarbeit auch in Stresssituationen wie geschmiert.
Als Praktikant wird man von Beginn an in das Büroteam integriert. Man kopiert zwar schon mal was oder erledigt Botengänge im Haus, aber das tun die Assistenten auch. Von
Anfang an bekommt man Aufgaben, wie sie die Assistenten auch täglich zu erledigen haben. Und diese Aufgaben sind extrem vielfältig! Es gilt den aktuellen Stand von
Gesetzesvorhaben und die verschiedenen Positionen dazu herauszufinden, Reden vorzubereiten, Artikel und Presseerklärungen zu entwerfen und Anfragen von Bürgern und
Unternehmen aus dem Wahlkreis zu beantworten. Außerdem finden im Parlament dauernd Sitzungen und Konferenzen verschiedenster Gremien statt, die man als Praktikant besucht,
um Frau Niebler anschließend berichten zu können, was besprochen wurde.
Fasziniert hat mich dabei insbesondere, mit wie vielen unterschiedlichen Themen ich mich in der kurzen Zeit zu befassen hatte: Softwarepatente, Kakteenimporte,
Unternehmensförderung, Kraft-Wärme-Kopplung, Eisenbahnsignalhörner, Europäischer Staatsanwalt, Lagerung von Tierarzneimitteln, Tabakwerbung, Hochgeschwindigkeitsbahnstrecke
Paris-Budapest... die Liste ließe sich noch lange fortsetzen. Die Arbeit ist also sehr abwechslungsreich.
Hilfreich ist es, wenn man als Praktikant schon etwas Ahnung vom Aufbau und den Zuständigkeiten der Europäischen Institutionen hat. Wenn man zum Beispiel weiß, wie ein
Gesetzgebungsverfahren abläuft, vereinfacht das die Recherche ungemein, da man sonst leicht an der falschen Stelle sucht. Ich für meinen Teil hatte mich im Rahmen meines
Studiums bereits längere Zeit mit Europarecht befasst und hatte auch den Eindruck, dieses Wissen während des Praktikums gebrauchen zu können.
Insgesamt bekommt man auch bei einem nur einmonatigen Praktikum einen guten Einblick in die Funktionsweise des Europäischen Parlaments und der Brüsseler Institutionen im
Allgemeinen. Allen Europa-Interessierten kann ich ein derartiges Praktikum daher nur wärmstens empfehlen.
Nach der Arbeit wird einem in Brüssel auch nie langweilig. Zumindest unter der Woche ist eigentlich jeden Abend eine Veranstaltung: Ausstellungseröffnungen, Konzerte,
Empfänge. Entweder im Parlament selbst oder in einer der vielen Botschaften und Landesvertretungen oder bei einem der unzähligen Lobbyverbände. Wenn man länger in Brüssel
arbeitet, kann man wohl keine Empfänge mehr sehen, aber als Praktikant geht man natürlich überall hin. Zum einen, weil man dort interessante Leute kennen lernen kann, zum
anderen ist das oftmals gebotene leckere Essen selbstverständlich auch nicht zu verachten. Findet an einem Tag einmal keine solche Veranstaltung statt, kann man fast immer
sicher sein, dass es irgendeine Praktikanten-Party gibt. Praktikanten (Stagiaires im Brüssel-Jargon) gibt es in Europas Hauptstadt schließlich wie Sand am Meer. Und an den
Wochenenden bieten sich die umliegenden Orte für Ausflüge an. Belgien ist ein kleines Land und hat das dichteste Eisenbahnnetz Europas: man kommt schnell nach Brügge,
Antwerpen oder nach Ostende ans Meer. Selbst London, Paris oder Amsterdam sind nicht weit entfernt, so dass man ohne weiteres einen Kurztrip dorthin machen kann. Fazit: Wem
langweilig wird, der ist selbst schuld.
Zum Abschluss noch einige praktische Tipps:
1. Bewerbungen
Es gibt zwar auch Praktika beim Europäischen Parlament als solches, Anfragen nach einem Praktikum in einem Abgeordnetenbüro richtet man aber an das Büro, d.h. den
Abgeordneten, selbst. Zweckmäßigerweise sollte man es zuerst bei Abgeordneten aus dem eigenen Bundesland versuchen. Ob und für wie lange die Abgeordneten Praktikanten
aufnehmen, ist nicht einheitlich. Manche wollen längerfristige Praktikanten, manche nur Leute für einen Monat, andere nehmen gar keine Praktikanten. Die Vorlaufzeiten
variieren ebenfalls, können aber beträchtlich sein: für ein Praktikum bei Frau Dr. Niebler muss man sich mindestens 12 Monate vorher bewerben. Am einfachsten ist es, beim
jeweiligen Abgeordnetenbüro in Brüssel anzurufen und sich zu erkundigen. Die Telefonnummern findet man auf der Webseite des Europäischen Parlaments (
http://www.europarl.eu.int).
2. Wohnen in Brüssel
Ich selbst habe in einer 10-Personen-Wohngemeinschaft nur fünf Minuten vom Parlament entfernt gewohnt. Das war sehr angenehm, hat aufgrund der Lage aber auch seinen Preis
(knapp 400 Euro pro Monat). Allerdings sind Zimmer in Brüssel generell sehr teuer, eben aufgrund der Tatsache, dass hier von Seiten der vielen Praktikanten eine hohe
Nachfrage besteht. Es existiert eine Liste mit Wohnmöglichkeiten für Praktikanten, die man auf Anfrage meist vom jeweiligen Abgeordnetenbüro zugeschickt bekommen kann.
Brüssel hat ein sehr dichtes Netz von öffentlichen Verkehrsmitteln. Unter diesem Gesichtspunkt ist es also auch nicht problematisch, weiter vom Parlament entfernt zu wohnen.
Das kann allerdings dann lästig werden, wenn man bei Abendveranstaltungen (die naturgemäß oft im Europaviertel stattfinden) entweder gezwungen ist, früher zu gehen, um noch
einen Bus zu erwischen, oder auf Taxis angewiesen ist.
3. Weitere Fragen?
Wie man den Autor dieses Berichts kontaktiert (und im Übrigen auch, wie man sein Staatsexamen ohne Repetitor angeht) erfährt man auf der Webseite
http://exorep.michaelforster.net/.