Jurawelt

Praktikum in der Kirchenverwaltung - Ev.-luth. Oberkirchenrat Oldenburg
Jochen Notholt (jochen@jura-trainer.de)


I. Daten
Mein Verwaltungspraktikum im Ev.-luth. Oberkirchenrat Oldenburg fand im März/April 2000 statt, über einen Zeitraum von sechs Wochen. Mein 5. Fachsemester war zu diesem Zeitpunkt gerade beendet, ich war an der Uni Münster eingeschrieben, nachdem ich vorher 4 Semester in Thüringen studiert hatte. Dort hatte ich allerdings noch keine Praktika abgeleistet, weil mir die dortigen Regelungen zu streng waren und ich ohnehin mein Examen nicht in Thüringen machen wollte.

Der Ev.-luth. Oberkirchenrat Oldenburg (ab jetzt kurz: OKR) ist (nicht zuletzt wg. der rechtlichen Stellung der christlichen Kirche gem. Art. 140 GG, 137 V WRV) als Verwaltungsbehörde im Sinne der Ausbildungsordnungen anerkannt. Kurz zur Struktur der evangelischen Kirchenverwaltung (Details hierzu gibt es z.B. auf der Website der EKD: www.ekd.de) Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) ist in verschiedene Landeskirchen unterteilt. Die Aufteilung der Landeskirchen entspricht nicht denen der Bundesländer, sondern richtet sich quasi nach alter Kirchentradition. So kommt es dann auch, dass das ehemalige Fürstentum (!) Oldenburg eine eigene Landeskirche bildet und meine Heimatstadt Oldenburg die zugehörige Hauptverwaltungsbehörde beheimatet.

II. Motivation / Erwartungen
Keine Sorge, dieser Praktikumsbericht ist weder durch meinen missionarischen Eifer begründet noch habe ich mich zum Praktikum in der Kirchenverwaltung sonstwie "berufen" gefühlt. Meine Motivation für die Bewerbung beim OKR bestand schlicht darin, dass ich kurz vor dem Rep noch das Verwaltungspraktikum "abhaken", gleichzeitig aber noch eine Hausarbeit für den großen ÖR-Schein schreiben musste, um dann unbelastet ins Rep gehen zu können. Gleichzeitig hörte ich, gerade in den Kommunalbehörden der größeren Städte (in denen ich mich hausarbeitsbedingt ja aufhalten musste) müsse man täglich 8 Stunden anwesend sein, und dort finde häufig eine eher unmotivierte Massenabfertigung statt.

Daher mein Plan, mich bei einer kleineren Behörde zu bewerben, wo man dann hoffentlich Rücksicht auf meine Interessen nimmt, mich einerseits auch mal eigenständig an einem interessanten Fall arbeiten lässt, mir andererseits aber auch mal einen Tag frei gibt, wenn es Probleme mit der Hausarbeit gibt. Dieser Plan ging dann glücklicherweise auch komplett auf.

III. Bewerbung
Meine Bewerbung um den Praktikumsplatz erfolgte ca. 3-4 Monate vor geplantem Praktikumsbeginn (so genau weiß ich das jetzt aber gar nicht mehr). Das Vorstellungsgespräch lief sehr angenehm und unverbindlich ab, und mir wurde dort auch gleich mitgeteilt, dass ich gerne mein Praktikum im OKR ableisten dürfte. Ich war damals übrigens der erste "juristische" Praktikant seit über 10 Jahren. Rechtsreferendare scheint man aber häufiger während der Verwaltungsstage zu beherbergen.

Förderlich für meine erfolgreiche Bewerbung, daraus möchte ich hier keinen Hehl machen, war sicherlich der Beruf meines Vaters, der als ev.-luth. Gemeindepfarrer in Oldenburg auch verschiedene Verwaltungsaufgaben übernommen hat und daher im OKR bestens bekannt ist. Doch auch ohne solches "Vitamin B" hat man sicherlich gute Chancen, als Praktikant beim OKR angenommen zu werden - nicht zuletzt, da es sich wohl immer noch um einen Praktikums-Geheimtipp handeln dürfte. Ob man auch als Konfessionsloser oder Angehöriger einer anderen als der evangelischen Konfession als Praktikant im OKR akzeptiert wird, entzieht sich zwar meiner Kenntnis; ich könnte mir aber vorstellen, dass dies eher nicht so gerne gesehen wird.

IV. Verlauf
Kurz einige Daten zum Verlauf des Praktikums.

1. Arbeitszeiten
Der Arbeitstag begann für mich regelmäßig um 9:00 Uhr morgens (wenn ich unbedingt gewollt hätte, hätte ich sicher auch früher oder später erscheinen dürfen) und endete spätestens gegen 16:00 Uhr, für mich häufig auch schon früher. Freitags ist schon Mittags Dienstschluss. Am Wochenende wird in der Kirchenverwaltung selbstverständlich nicht gearbeitet (wodurch gerade deren Beamte den Neid unzähliger Pastoren auf sich ziehen dürften).

2. Arbeitsbedingungen und -klima
Die meiste Zeit des Praktikums war ich in der Rechtsabteilung des OKR tätig. Die dortigen Arbeitsbedingungen hätten für mich als Praktikant kaum besser sein können. Mit den typischen "Praktikantenaufgaben" (kopieren und Kaffee kochen) musste ich mich im OKR jedenfalls nicht aufhalten; statt dessen wurde ich von den Verwaltungsangestellten manchmal schon fast ein wenig wie der "Vorgesetzte von morgen" behandelt. Das ist einerseits ungewohnt, beispielsweise dann, wenn man der Sekretärin des Vorgesetzten zum ersten Mal das Diktiergerät überreicht und diese das Geschwafel vom Band ohne mit der Wimper zu zucken in Windeseile zu Papier bringt. Andererseits macht es natürlich großen Spaß, mal nicht als "Hilfssklave" behandelt zu werden. Größter Pluspunkt bezüglich der Arbeitsbedingungen war sicherlich mein eigenes Arbeitszimmer. Mir wurde zwar kein festes Zimmer zugeteilt, da aber jeden Tag mindestens einer der Mitarbeiter der Rechtsabteilung abwesend war, stand mir letztlich jeden Tag ein eigenes Zimmer zur Verfügung. Hier wurde ich in Ruhe gelassen und konnte selbstständig arbeiten - sowohl an den Aufgaben des Praktikums als auch an meiner Hausarbeit im öffentlichen Recht (was von meinen Vorgesetzten übrigens ausdrücklich geduldet und gefördert wurde, dazu s.u.).

Das Arbeitsklima war ebenso positiv. In der Rechtsabteilung des OKR herrscht eine durchweg angenehme Stimmung; die Verwaltungsangestellten verstehen sich gut untereinander und auch mit ihrem Vorgesetzten - das fällt natürlich auch auf den Praktikanten zurück. Die Kaffee-und-Kuchen-Runden im Arbeitszimmer meines Vorgesetzten schienen manchmal den Mittelpunkt des Arbeitstags zu bilden; hier wurde nicht nur über die zu erledigenden Aufgaben konferiert, sondern auch gerne mal Wetten über den nächsten Champions-League-Spieltag abgeschlossen. Das hielt sich aber natürlich alles im Rahmen und ließ keinen Zweifel an der Produktivität der Abteilung aufkommen. Außerhalb der Rechtsabteilung, namentlich in den Ausschusssitzungen des OKR, an denen ich gelegentlich teilnehmen durfte, war die Stimmung dagegen nicht immer ganz so positiv. Als Außenstehender ist man manchmal schon erstaunt darüber, wie temperamentvoll es im Rechtsausschuss des Oberkirchenrats einer doch eher kleinen Landeskirche zugehen kann. Hier tummeln sich Wölfe im Schafspelz, die sich die Erhaltung der Strukturen ihrer Kirchengemeinde zur Lebensaufgabe gemacht zu haben scheinen und im Angesicht des Gegners das christliche Gebot der Nächstenliebe auch mal vergessen. Da nützt auch das kurze Gebet wenig, mit dem diese Sitzungen traditionell eingeleitet werden.

3. Vorgesetzte
Im OKR sind zwei Juristen tätig. Der "Chefjurist" ist Herr Oberkirchenrat Schrader, er war mein offizieller Praktikumsbetreuer und führte mit mir auch das Vorstellungsgespräch. Auch während des Praktikums stand er mir immer wieder mit Rat und Tat zur Seite und war stets freundlich und hilfsbereit. Oberkirchenräte sind übrigens die Beamten der Kirchenverwaltung, die direkt dem Bischof als Hauptverwaltungsbeamtem unterstellt sind. Der Leiter der Rechtsabteilung ist Herr Heinen - mittlerweile leitet er auch die Personalabteilung im OKR. Im Gegensatz zum Oberkirchenrat Schrader ist er "nur" als Assessor beim OKR angestellt. Er war mein eigentlicher Betreuer während des Praktikums; von ihm bekam ich meine Aufgaben, er bereitete mich auf die Sitzungen vor und nahm mich zu Gerichtsterminen mit. Einen besseren Vorgesetzten als Herrn Heinen konnte ich mir im Nachhinein kaum vorstellen. Er ist gleichermaßen sympathisch, kompetent und hilfsbereit. Besonders hoch rechne ich ihm die Zeit an, die er mir für meine Hausarbeit zur Verfügung stellte - und die Zeit, die er sich für die gründliche persönliche Korrektur meiner Arbeit nahm. Das positive Arbeitsklima in der Rechtsabteilung ist maßgeblich auf seinen vorbildlichen Umgang mit den Mitarbeitern zurückzuführen.

V. Aufgaben
Meine Aufgaben während des Praktikums waren wie bereits angedeutet dreigeteilt: Fallbearbeitung bzw. Rechtsberatung, Teilnahme an Sitzungen sowie Wahrnehmung von Gerichtsterminen.

1. Rechtsberatung
Die Rechtsabteilung im OKR übernimmt zunächst die Rechtsberatung für die Gemeinden der Landeskirche (und natürlich auch für die Oberkirchenräte selber). Hier durfte ich mich selbstständig um Anfragen aus den unterschiedlichsten Bereichen kümmern: Fragen zu GEMA-Gebühren, aus dem Arbeitsrecht (die Kirche ist schließlich Arbeitgeber in zahlreichen sozialen Einrichtungen), aus dem Grundstücksrecht (als Eigentümer zahlreicher Grundstücke hat die OKR Angestellte, die sich nur um Immobilien kümmern), bis hin zu Fragen der Kirchensteuer. Es ist also ein Irrtum, zu glauben, in der Kirchenverwaltung ginge es nur um kirchenrechtliche Fragen, diese sind eher untergewichtet. Wie gesagt durfte ich gelegentlich selbstständig die Rechtsberatungen vorbereiten. Meine Schreiben wurden meist von Herrn Heinen nur durchgesehen und schließlich abgeschickt.

2. Teilnahme an Sitzungen
Zur Teilnahme an den Ausschusssitzungen hatte ich mich ja schon oben kurz geäußert. Obwohl ich hier nur "stummer Teilnehmer" war und es mir nach manchen Beiträgen entsprechend schwer fiel, meinen Mund zu halten, fand ich die Sitzungen schon recht amüsant.

3. Teilnahme an Gerichtsterminen
Da Herr Heinen als Leiter der Rechtsabteilung des OKR gleichzeitig Prozessbevollmächtigter für die dem OKR zugehörigen Kirchengemeinden ist, standen während meines Praktikums auch zwei Gerichtstermine an, zu denen ich ihn begleiten durfte. Ich hatte also nach fünf Studiensemestern erstmals die Gelegenheit, ein Gericht von innen zu sehen! Die Termine vor dem Arbeitsgericht Oldenburg und dem Amtsgericht Wilhelmshaven mögen den passionierten Ally-Mc-Beal-Gucker ernüchtern, für mich waren sie trotzdem sehr interessant. Vor den Terminen wurde ich von Herrn Heinen in die Akten, die Tücken des Falles und die Erfolgsaussichten "unserer" Seite eingeweiht. Die Nachbereitung fand dann im Café oder beim Mittagessen statt.

VI. Fazit
Es dürfte hinreichend deutlich geworden sein, warum sich das Praktikum beim Oberkirchenrat Oldenburg für mich gelohnt hat. Interessante Aufgaben, sehr gute Arbeitsbedingungen, ein mehr als angenehmes Arbeitsklima und nette Vorgesetzte bei relativ wenig Zeitaufwand. Ich denke jedenfalls gerne an meine sechs Wochen beim OKR zurück, dessen Ruf als "etwas andere Behörde" sich sicherlich nicht im montagmorgendlichen Mitarbeitergottesdienst erschöpft.

P.S.: Für meine ÖR-Hausarbeit habe ich 13 Punkte bekommen - vier Punkte mehr als die Prognose meines Vorgesetzten.
Greifswald
Greifswald
"Moderne Quellen und Begrifflichkeiten der Grundrechte von 1800 bis heute" von Alexander Widmann
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