Florian Kleinmanns
Praktikum in einer Versicherungsrechtskanzlei
Lest eine Zeitung, hat ein Professor im ersten Semester immer in der Vorlesung zu uns gesagt. Ich las eine Zeitung und entdeckte im Berufschancen-Teil eine Notiz mit dem
Titel "Schriftsatz-Wettbewerb für Referendare und junge Juristen": eine Kanzlei richtete diesen aus und bot als Hauptgewinn einen festen Arbeitsplatz an.
Ich war gerade kurz davor, meine kleinen Scheine beisammen zu haben und damit die Formalvoraussetzungen für das Grundpraktikum (das die Bremer Studierenden beim Anwalt
machen müssen) zu erfüllen. So dachte ich mir: einen festen Arbeitsplatz will ich nicht, aber außer Konkurrenz könnte ich mitspielen und mich um einen Praktikumsplatz
bewerben. Nach kurzer Recherche, um was für eine Kanzlei es sich handelte (dazu gleich) forderte ich die Wettbewerbsunterlagen (eine anonymisierte Original-Schadensakte mit
Original-Klagebegründung) an, schaute in ein paar Kommentare, schrieb eine Klageerwiderung und bewarb mich im Anschreiben um einen Praktikumsplatz.
Wie erwartet wollte die Kanzlei mir keinen Arbeitsvertrag anbieten, aber ein paar Monate später - nach meinem dritten Semester - begann ich dort mein siebenwöchiges
Praktikum.
Betreut wurde ich durchgängig von dem Anwalt, mit dem ich auch schon im Schriftsatzwettbewerb Kontakt hatte. Dieser zeigte mir am ersten Arbeitstag zunächst die Räume der
Kanzlei: "mein" Büro für die nächsten Wochen (das reichlich spartanisch eingerichtet war, aber Zugang zu einem Balkon mit schönem Ausblick über die Dächer der Kölner
Neustadt bot), Besprechungsräume, Sekretariate, Büros seiner Kollegen, Kopierräume, Kaffeeküchen und die Bibliothek. Dabei erläuterte er die Tätigkeitsschwerpunkte der
Kollegen, an deren Büros wir vorbeigingen oder bei denen wir hineinschauten: Sachversicherungen, Krankenversicherungen, Haftpflichtversicherungen, Lebensversicherungen...
die ganze Kanzlei mit etwa 30 Anwälten wird fast ausschließlich von Versicherungen beauftragt.
Drei der Anwälte sind ausschließlich mit Berufungen am Oberlandesgericht beschäftigt, so auch "mein" Anwalt. Dieser gab mir in den ersten Tagen immer nachmittags Akten zu
studieren, die stets sehr umfangreich waren - Unterlagen der mandatierenden Versicherung, erstinstanzlicher Schriftverkehr, Beweisaufnahme, Urteil, zweitinstanzlicher
Schriftverkehr und meist noch Gutachten und Gegengutachten. Am nächsten Vormittag trafen wir uns meist direkt am OLG, sprachen kurz über die Fälle und ich verfolgte die
Verhandlungen.
Während des Praktikums hatte ich Gelegenheit, für jeweils ein paar Tage in die anderen Abteilungen hineinzuschnuppern. Besonders spektakulär waren stets die
Sachversicherungsfälle: so schloss etwa ein Gebrauchtwagenhändler, dessen Werkstatt nicht so gut lief, eine Feuerversicherung ab; kürzeste Zeit später ging die versicherte
Ausstellungshalle trotz Alarmanlage und anderer Sicherheitsvorkehrungen in Flammen auf; auf dem Boden wurden an ungewöhnlichen Stellen Benzinreste gefunden, die sich
(natürlich entgegen der Auffassung der Gegenseite) nicht mit dem Benzin aus den Tanks der abgestellten Wagen erklären ließen; und der Händler hatte für die Brandnacht auch
kein Alibi... "Das Schöne an meinem Job ist", so der zuständige Anwalt, "dass ich mir absolut sicher sein kann, dass wir wirklich im Recht sind." So sicher war ich mir bei
den Fällen in den anderen Abteilungen nicht; besonders wenn Patienten den Vorwurf eines Behandlungsfehlers gegen einen Arzt erhoben und die Kanzlei im Auftrag dessen
Berufshaftpflichtversicherung den Anspruch abwehren sollte, kamen mir Zweifel an der Moral des Anwaltsberufes - auch wenn die Versicherung stets gute objektive Gründe
vorweisen konnte, die Zahlung verweigern zu wollen.
Nachdem ich mich im Büro eingelebt hatte und einige Stapel von Akten durchgearbeitet hatte, bekam ich die Chance, zunächst kleinere Rechtsprobleme, später Fälle im Ganzen zu
bearbeiten. Dafür suchte der Anwalt jeweils ungewöhnliche Fälle heraus, die in Bereiche fielen, in die auch er sich intensiv hätte einarbeiten müssen. Dabei sollte ich zum
Teil gutachterlich eine Stellungnahme abgeben, auf deren Grundlage der Anwalt seinen Schriftsatz fertigstellen konnte, zum Teil diktierte ich selbst Entwürfe für
Berufungsbegründungen. (Darin war ich gelegentlich bis spät nachmittags so vertieft, dass ich schon zu hören bekam, dass ich endlich nach Hause gehen solle - wenn ich um 18
Uhr ging, so verließ ich dennoch vor den meisten Anwälten das Gebäude.) In einer besonders umfangreichen Arzthaftungssache sollte ich auch - ganz unjuristisch - die sechs
(!) verschiedenen Gutachten der medizinischen Sachverständigen synoptisch darstellen. So lernte ich eine Menge über mecklenburg-vorpommerisches Schornsteinfegerrecht,
deutsch-niederländisches Transportrecht (inklusive Verjährungsfragen) und worauf man bei einem Krankenhausaufenthalt achten sollte (nämlich die Thromboseprophylaxe).
Zu erwähnen ist noch, dass es möglich, aber meines Erachtens nicht empfehlenswert ist, eine Hausarbeit parallel zum Praktikum zu schreiben. Die Bibliothek im Hause war
hinreichend gut ausgestattet, aber ich hatte einfach keine Lust, mich neben den ganzen echten Fällen mit einem Alarmanlagengewährleistungsfall zu beschäftigen... das
Praktikum war einfach besser!